Gurkensalat / Die Zubereitung.

01.09.-28.09.2008

Nein, wir sind nicht untergetaucht, haben weder Wurzeln geschlagen, noch Samen gestreut, wir nehmen es einfach wie es gerade kommt und in letzter Zeit kam es reichlich Dicke. Wir sind immer noch auf der Reise, wobei Reise ja nicht immer mit „dem Ziel näher kommen“ übersetzt werden muss, denn wie wir ja alle wissen, ist der Weg das Ziel. Innerhalb der letzten Monate sind wir oftmals zwischen Nord und Süd hin- und her gesprungen und haben damit viele Freunde und auch so manches Mal uns selbst etwas verwirrt. Doch es geht weiter; Mittel- und Südamerika warten mit weiteren Abenteuern auf uns.

Wir hoffen, in diesem Reisebericht Klarheit darüber schaffen zu können wie das denn jetzt gewesen ist. Wo ist wer mit dem Flieger und mit wem im Greyhound oder doch alle im Bulli namens „Gurke“ und wo steckt eigentlich die „Erbse“? Das alles sollte sich in diesem, im sechsten Reisebericht unseres Assikringels von ganz oben nach ganz unten klären.

Wem unsere bisherigen Beiträge zu langatmig gewesen sind, der sollte genau jetzt aufhören, unsere Zeilen zu lesen, denn kürzer wird dieser hier mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht. Da gibt es bestimmt noch einen Rasen, der gemäht oder ein Auto, das gewaschen werden müsste, ach so, es ist gar nicht Sonntag, na ja, Pech gehabt, dann solltet ihr Euch das vielleicht doch antun.

Nachdem uns damals im August unser deutscher Besuch verlassen hatte, widmeten wir uns der Brezel, der Stadt an der Bay und deren teilweise sehr speziellen Bewohnern, wie zum Beispiel dem „Bucket Man“. Auf ihn sind wir gestoßen, da er im Besitz eines besonderen VW Busses gewesen ist. Der T2 war lange Zeit Familienmitglied der Aldens. Sie sind in den Siebzigern mit ihren kleinen Töchtern, ohne große Sicherheiten zu besitzen, von Heute auf Morgen nach Deutschland geflogen, haben dort ihren brandneuen, roten Campingbus in Wolfsburg in Empfang genommen und sind 6 Monate durch Europa gereist. Und das alles nur, um die damaligen hohen US-Importzölle zu umgehen, war der Camper doch mit 6 Monaten ein Gebrauchtwagen. Als es dann wieder zurück nach San Francisco ging, wurde der Bulli einfach ins Handgepäck gesteckt und mitgenommen. In San Francisco angekommen, verrichtete er für viele Jahre seinen Dienst als treuer Wegbegleiter, bis er vor einigen Monaten an den „Bucket Man“ weitergereicht wurde. Eines der damals kleinen Mädchen der Familie Alden ist mittlerweile ein großes Mädchen im Alter von 46 Jahren, sie setzte sich irgendwann in ihren Karmann Ghia und fuhr nach Alaska. Genau dort oben, in Fairbanks, haben wir Sharon kennen gelernt, sie ist eine gute Freundin von Ed, ein Mitglied unserer lieb gewonnenen Fairbanks Gang. Damals erzählte sie uns bei unserem ersten Aufenthalt im hohen Norden der USA genau diese Geschichte; war doch klar, dass wir da einen kleinen Zwischenstopp beim „Bucket Man“, im 4946 Kilometer entfernten San Francisco einlegen wollten. Diese alten VWs haben sein Leben verändert, so der „Bucket Man“, ob positiv oder negativ, na ja, wir wissen es nicht so genau; auf jeden Fall glich unser Abschied von ihm einem Le Mans Start unter Hagelfeuer, nachdem er bei einem Blick unter unsere Motorhaube wie von einer Tarantel gebissen und gleichzeitig von einer Hornisse gestochen, die Benzinleitung herausriss und dann auch noch unsere Zündung einstellen wollte. Wir winkten dankbar ab und dachten uns nur, don’t touch a running system, während Dirk die Rolle bis ins Bodenblech durchdrückte.

Der Besucherstrom aus Deutschland sollte noch nicht abreisen, eben noch Roschy, Rylee und Aryan verabschiedet, hieß es nun „ Willkommen Stefan!“ Perle, so sein Spitzname, hatte ich damals in Australien kennen- und seine Flexibilität und seinen Optimismus schätzen gelernt. Genau diese Eigenschaften stellten wir gleich zu Beginn, als sich der Gute noch in Deutschland befand, auf die Probe. In einer unserer e- mails an ihn, die er recht kurzfristig vor seinem Abflug erhielt, stand soviel wie: „Hey Perle, sag mal, wolltest du nicht schon immer mal Alaska sehen? Lass uns doch anstatt gemütlich nach San Diego zu fahren (wie ursprünglich geplant), nach Fairbanks fliegen und den ollen VW Bus vom Schrott ziehen und ihn runter nach San Francisco fahren, nachdem wir ihn fahrbereit und zugelassen haben. Na was hältst du von der Idee?“ Gut, dass Stefan genau so ne durchgeknallte Hippe ist wie Dirk und ich und nichts gegen ein extra Abenteuer einzuwenden hatte, die lange Unterhose ist schnell eingepackt gewesen. So hatten wir uns den Ablauf des nächsten Monats mit Stefan vorgestellt. Genau! Es lief selbstverständlich ganz anders ab. Aber ich glaube, dass wusste jeder von uns schon vorher, es traute sich nur keiner auszusprechen.

Die Flugtickets von San Francisco nach Fairbanks buchte Ed für uns, auf Grund seines Vielfliegerrabatts ließen sich unsere Flüge recht günstig halten; das Angebot hatte er uns schon damals gemacht, als der Plan geschmiedet wurde wiederzukommen. Die Brezel fand, während unseres Aufenthaltes in Alaska, dank Mark, Obdach in seiner Sammlung in Mountain View zwischen all den restaurierten Beauties. Mit einem großen Koffer voller Ersatzteile, den wir zuvor mit Rays Hilfe zusammengestellt hatten und unseren Rucksäcken, die neben Badehose und Sonnenmilch, langer Unterhose und Wollmütze auch Hauptbremszylinder und Bremsbacken beherbergten, machten Dirk und ich uns auf den Weg zum San Francisco International Airport. Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten, mittlerweile wäre uns ein Job als Flughafenfremdenführer sicher (so oft sind wir nun schon geflogen), fanden wir schließlich die „Perle“. Bis zu unserem Weiterflug nach Seattle blieben uns ein paar Stunden, in einer netten Ecke des Flughafens, gleich vor unserem Gate, errichteten wir unser Nachtlager, nein, unser Zelt kam nicht zum Einsatz, die Heringe wollten einfach nicht in den Boden. Isomatte und Schlafsack waren schnell ausgerollt, die Zähne geputzt; alle drei fielen wir prompt in einen tiefen Schlaf. Nicht vergessen, Stefan war bereits seit längerem auf den Beinen; direkt aus Deutschland mit einem 8- stündigen Aufenthalt in New York, den er zu einer ausführlichen Stadtbesichtigung nutzte und das sollte ja noch längst nicht alles gewesen sein. Kaum abgehoben, hatten wir erneut den Boden Seattles unter unseren Füßen und das für fast einen ganzen Tag. Zeit genug, unser Gepäck aufzusatteln und uns mit dem Bus Nummer 194 in Richtung Downtown zu bewegen. Vollgepackt wie pakistanische Packesel standen wir an der Ecke Broadway und Pine Street und versuchten unsere Freundin Roxy an die Strippe zu bekommen, die Chance sie in Seattle zu erreichen waren gleich Null, ist sie doch die meiste Zeit Überall und Nirgendwo. An diesem Tag hatten wir Glück, sie war gerade auf dem Weg zu ihrem Yoga Kursus, wenige Minuten später sahen wir sie in ihrem GTI an der Kreuzung stehen. Sie ließ ihren Unterricht sausen, wir gingen in den Park und fuhren zum Alki Beach.

Gestärkt, erholt und glücklich darüber, unsere Freunde wieder gesehen zu haben, traten wir die zweite Etappe unserer Flugreise nach Fairbanks an. Ein ganz großes Lob an Eric und seine netten Kolleginnen von Alaska Airlines. You guys are amazing! Ich denke, es lag an unserem verwegenen Aussehen, an unseren langen Matten auf dem Kopf, dass Eric dachte, wir seien die Mitglieder einer Rockband. Dank unseres selbsternannten Publicitybeauftragten Stefan Perlebach war Eric innerhalb weniger Minuten bestens informiert, kannte unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er war sichtlich beeindruckt, stellte uns Fragen und spendierte uns Sprit für Nullu, außerdem bekamen wir plötzlich drei kleine Heimkinos gebracht. Die Zeit verging wie im Fluge. Zur Erinnerung gab es ein Foto mit der Crew und eine Extrarunde Drinks, die wir jedoch erst zur Fertigstellung des Busses zu uns nehmen wollten. Wir tragen sie immer noch mit uns herum. Beim Betreten des nächsten Fliegers, der uns nun endlich von Anchorage nach Fairbanks bringen sollte, wurden wir von der Stewardess wie folgt begrüßt: „You must be the Germans!“ ( Ihr müßt die Deutschen sein!). Nein, wir kannten die vor uns stehende Dame nicht, doch in Alaska verbreiten sich Neuigkeiten sehr schnell und das Informationsnetz der Alaska Airline Mitarbeiter scheint hervorragend zu funktionieren.

Fairbanks hatte uns wieder, wir erreichten kurz vor Mitternacht den eher gemütlichen und überschaubaren Flughafen der zweitgrößten Stadt Alaskas. Am Gepäckband gesellte sich ein vertrautes Gesicht zu uns, es war Ed; die Freude war groß. Es fühlte sich an als ob man nach Hause kommen würde, ein großartiges und warmes Gefühl. Wir fielen todmüde in die Betten und hatten am folgenden Tag mal versucht auszurechnen, wie lange Stefan auf den Beinen gewesen war, ich glaube wir kamen auf drei Tage; Hamburg- Frankfurt- New York- San Francisco- Seattle- Anchorage- Fairbanks. Ein gewaltiger Ritt!

So weit so gut, noch lief alles nach Plan, aber bisher hatten wir ja auch nur im Flieger gesessen. Hier oben in Alaska war alles beim Alten; es war kühler geworden, das Holz, das wir damals gespalten und gestapelt hatten, war uns nun das ein und auch andere Mal sehr nützlich gewesen, wenn man morgens aus dem Bett krabbelte und einem beinahe der Allerwerteste abfror, freute man sich riesig über ein wärmendes Feuer. Die Herbstfarben der Wälder strahlten mit dem Blau des Himmels um die Wette; es ist ein wunderschöner Anblick gewesen. Jede Jahreszeit hat hier oben ihren ganz besonderen Reiz. Egal zu welcher Zeit wir alaskanischen Boden unter den Füßen gehabt hatten, wir sind jedes mal fasziniert gewesen.

Die gute Ann hatte mittlerweile ihre eigene cabin (kleine Holzhütte) und lebte nicht mehr in der WG in der Goldfinch Road Nummer 725, stattdessen teilten wir unsere schmutzigen Witze nun mit den Kiwis. Lisa und Dan sind echt ne Klasse für sich, wir hatten lange nicht mehr so herzhaft und viel gelacht wie mit den beiden Neuseeländern. Good luck for you guys on the south island making cheese! Trevor alias T-Bone überraschte uns wieder mit einem neuen Haarschnitt, während er immer noch der selbe ausgeglichene, freundliche Typ gewesen ist, den wir damals im Sommer kennen lernten. Ed, die gute Seele befand sich in Aufbruchstimmung, er flog eine Woche später nach Kirgisistan, um dort sein Russisch aufzubessern und Land und Leute kennen zulernen. Es gab zwei neue Gesichter, Evi und Fra, zwei Couchsurfer, (Reisende, die, so wie wir, Unterkunft bei netten Menschen finden) sie nächtigten jedoch nicht auf dem Sofa, sondern im Zelt auf Ed’s Rasen. Es machte immer großen Spaß, den beiden Schweizern bei einer Konservation zu zuhören, verstanden hat man so gut wie gar nichts und jedes mal schoss einem sofort die Ricola- Werbung durch den Kopf. Vielen Dankch euch beiden fürch die schöne Zeit! Natürlich gab es auch wieder ne Menge Partys, so wie die Deep Fried Party, zu der wir eingeladen wurden. Hierbei wird alles, was sich nicht wehren kann, ins heiße Öl getaucht, ob Champignons oder Schokoladenriegel, alles geht baden. Wir kamen erneut in den Genuss des heißen Blubberbeckens mit Blick über alaskanische Wildnis und wurden auch diesmal zur Booze Cruise eingeladen. Ihr erinnert euch? Man sitzt in einem Kanu und lässt sich den Fluss hinunter treiben, um in auf dem Weg liegenden Kneipen Flüssignahrung zu sich zu nehmen. Der einzige Unterschied bei dieser Booze Cruise: man genoss es zu paddeln, es ist die einzige Möglichkeit gewesen, dem Zustand von Wärme etwas näher zu kommen; die Temperaturen sind nicht mehr die selben gewesen wie damals.

Aber wir sind ja nicht nur für diese Art von Vergnügen hier oben gewesen. Es gab keine Rückflugtickets, stattdessen wartete auf einem Schrottplatz in der Nähe ein alter VW Bus auf uns und das schon seit mehreren Jahren. Es gab einiges zu tun, hatten wir drei uns doch in den Kopf gesetzt, mit der Kiste die knapp 5000 Kilometer bis San Francisco abzureißen und das musste auch noch in einem bestimmten Zeitraum geschehen, Stefan besaß ja im Gegensatz zu uns ein Rückflugticket von Los Angeles nach Deutschland. Es galt also einen Flieger zu erwischen. Ran an die Buletten!

Okay, wir sind nicht immer die best Präpariertesten, haben meistens keinen Plan oder einen, der sehr schnell wieder über den Haufen geworfen wird, aber ich glaube mittlerweile, dass genau dies die richtige Zutat ist , die solch eine Reise ein Abenteuer werden lässt. Wenn man so optimistisch wie wir (andere nennen es vielleicht planlos) neue Herausforderungen angeht und dann erfährt, wie geschmiert und schmatzig es abläuft und sich die Dinge fügen (und das nun schon seit 6 Monaten), dann nimmt man eine sehr relaxte und zuversichtliche Lebenseinstellung an, die einem bei der nächsten kniffeligen Situation mit Sicherheit zu Gute kommt. Ich glaube, keiner von uns Beiden hat bisher so viele, teilweise haarige Entscheidungen treffen müssen. Man ließt und hört es ja oft genug, aber nun können auch wir es bestätigen, solch eine Art Reise ist die Schule des Lebens!

Nun standen wir hier in Alaska, mit einem Koffer voller Ersatzteile, einer Tasche mit Werkzeugen und dem Wichtigsten überhaupt: einer gewaltigen Portion Optimismus. Der ursprüngliche Plan, den Bus vor Ort auf Carls Schrottplatz instand zu setzen und im Zelt oder in einem der Ersatzteilträger zu schlafen, schmissen wir auf Grund der Witterungsverhältnisse ganz schnell über Bord. Es musste eine andere Lösung her und das recht zügig; unsere Zeit war begrenzt. Wir erinnerten uns an Mike in Ed’s Nachbarschaft; Mike hatten wir damals im Sommer kennen gelernt, als unsere Augen, fünf Meter neben Ed’s Hofeinfahrt, an einem Schild mit der Aufschrift „GARAGE SALE“ (Garagenflohmarkt) hängen geblieben und wir daraufhin mit der Brezel vor Mikes Garage zum Stehen gekommen sind. Ein großes , altes Blockhaus, wie man es in einem Bildband über Kanada und Alaska erwarten würde, eine riesige Garage und zwei ältere Kauze, die uns freundlich empfingen. Schnell hatten wir einen gemeinsamen Nenner gefunden, in der Halle bekamen wir Mike‘s Projekt zu sehen, ein modifizierter Austin Healey mit gewaltigem Dampf unter der Haube. Das war das einzige Mal, dass wir uns damals mit Mike unterhalten hatten; seine Großmütigkeit war nun unser Strohhalm, unsere Hoffnung. Wir klopften an die Tür des Hauses und unterhielten uns eine Weile mit Mike’s Frau, sie konnte sich noch, durch Erzählungen Mike’s, an uns erinnern; wir schilderten ihr unsere Situation und baten sie um Hilfe. Wir erfuhren, dass Mike gesundheitlich angeschlagen gewesen ist , doch Roberta versprach uns, mit ihrem Mann zu reden und sich dann innerhalb der nächsten Tage zu melden. Zwei Tage später bekamen wir den lang ersehnten Anruf und grünes Licht; in diesem Moment fiel uns ein gewaltiger Stein vom Herzen. Da ist es wieder gewesen, das Gefühl, das sich alles irgendwie zum Guten wendet; es waren vielleicht 20 Minuten, die wir uns damals mit Mike unterhalten hatten und nun lud er uns ein, in seiner Halle an unserem Bus zu schrauben. Nun hieß es noch einen Weg zu finden, den Bulli in die Goldfinch Rd zu bekommen. Nach einigen Telefonaten war auch diese Hürde genommen; den Trailer bekamen wir von Carl, das Zugfahrzeug von Bernie, einem Freund von Ed. Bernie hatten wir das erste Mal zu Gesicht bekommen, als er in Jagdmontur und mit Flinte aus dem Unterholz auf der Deep Fried Party auftauchte. Nach dem ersten Telefonat mit Bernie bestätigte sich der „Verdacht“, der Kerl ist ne liebenswürdige, durchgeknallte Type. Sehr sympathisch! Während Dirk mit Carl telefonierte, um die Sache mit Trailer und Busabholung dingfest zu machen, fuhren Stefan und ich zum vereinbarten Treffpunkt um uns mit Bernie zu treffen, wenige Minuten später stand er in blutverschmierten Klamotten vor uns und schüttelte uns die Hände. Wie er uns mitteilte, hatte er sich noch kurz zuvor um seinen Vorrat an Selbsterlegten gekümmert, deswegen das Blut an seinen Klamotten und Händen. Als er von unserem Bulli- Vorhaben erfuhr, erzählte er uns von einem VW Bus eines Freundes, der gleich um die Ecke im Wald stand und das schon seit mehreren Jahren. Klar konnten wir nicht nein sagen und fuhren zusammen mit Bernie über Stock und Stein durch alaskanische Wälder, bis wir am Ende eines Weges einen grau- weissen T1 von 1962 erblickten. Dieser Bus sollte uns später noch einmal weiterhelfen; doch nun hieß unsere Aktion erst einmal: Rettet die Gurke! Es lebe das Gemüse! In Bernie’s Ford machten Stefan, Dirk und ich uns zu Carl’s Schrottplatz auf. Bei den herumstehenden Ersatzteilträgern bedienten wir uns, um die Gurke so gut es ging zu komplettieren; Frontscheiben zum Beispiel, oft überbewertet, doch hin und wieder recht nützlich, ersparen sie einem das mühselige Entfernen der Insekten aus den Zahnzwischenräumen. Die Liste der fehlenden Klein- und Großteile war lang, doch das Angebot an Ersatzteilbullis ist ausreichend gewesen. Nach einer Weile schafften wir es, die Gurke aus ihrer Ecke hervorzulocken, auf Grund ihrer langen Standzeit hatten sich alle ihre vier Räder im Laufe der Jahre platt gestanden und sich in den Untergrund eingebettet; wundersamerweise hielten sie jedoch noch alle die Luft und machten es uns damit wesentlich einfacher, das Gemüse zum Trailer zu schieben, die erste Fahrt seit langer Zeit! Verladen und verzurrt ging es in Richtung Fairbanks, unser erster Zwischenstopp führte uns zu einem befreundeten Mechaniker Carl’s, der uns ein, für eine spätere Zulassung notwendiges, Restwert- Gutachten ausstellte. In Fairbanks angekommen, schoben wir den Bus in Mikes Garage. Er half uns wo es nur ging, stellte uns sein ganzes Equipment zur Verfügung, stocherte für uns den Ofen und half uns bei so mancher Fehlersuche.

Wir begannen bei den Bremsen, dann dem Motor, der Elektrik und all dem restlichen, überflüssigen Schnickschnack. Die Gurke zickte ganz schön rum. Nach der ersten Probefahrt, noch ohne Frontscheiben, Beleuchtung, Brems- und Blinklicht , demontierten wir das erste Mal den Motor, da er doch tatsächlich meinte, sein Revier markieren zu müssen. Das ganze Rein und Raus des Motors haben wir mehrere Male wiederholt, bis er endlich stubenrein gewesen ist. Die „Bulli-to-do-Liste“ wollte nicht wirklich kürzer werden; hatten wir die eine abgehakt, konnten wir auch schon wieder eine neue erstellen, mit der Menge an Listen hätten wir die Halle tapezieren können. Die örtlichen hardware stores (Handwerkermärkte) wurden zu unserer zweiten Heimat, die Mitarbeiter der Napa Läden (Autozubehör- und Ersatzteile) kannten uns bald beim Vornamen. Ein Glück, dass wir die wichtigsten Verschleißteile damals aus San Francisco mitgenommen hatten. VW ist hier Fehlanzeige, der örtliche VW Händler schloss seinen Laden vor einiger Zeit und beherbergt nun einen Felgen- und Reifenservice mit unfreundlichem Personal. Im Zuge der Ersatzteil- und Servicesuche lernten wir schnell jedes kleinere und größere Unternehmen Fairbanks kennen, das irgendetwas mit Schweißen, Drehen oder Wuchten zu tun hat. Tage und Nächte vergingen, mit jedem Tag mit dem es kälter wurde, stieg unsere Freude, so gut untergekommen zu sein und unsere Bedenken, uns auf dem Trip in der Gurke den Hintern abzufrieren. Es war fast wie „zur Arbeit gehen“ , nur das wir nicht 8 oder 10 Stunden täglich mit dem Bus verbrachten, sondern des öfteren gar nicht ins Bett gingen, die Nächte durcharbeiteten und nur zur kurzen Nahrungsaufnahme Ed’s Haus aufsuchten. Lasst euch eins gesagt sein: Auf Dauer geht das nicht gut, der Körper nimmt sich was er braucht und rebelliert, das bekam ich zu spüren. Bei Arbeiten unter dem Wagen fielen uns dann auch schon mal öfter die Augen zu, das war dann das Zeichen, sich eine Mütze Schlaf abzuholen.

Doch alles in allem hatten wir großen Spaß dabei, uns dieser Herausforderung zu stellen. Dirk und ich hatten schon öfter so manche Nacht zum Tage gemacht und an unseren Kisten gebastelt, nur um dann wenige Stunden später auf ein Treffen oder in den Urlaub fahren zu können. Es ist eine Art Nervenkitzel, getreu unserem Motto „Immer schön just in time“.

Unsere Freunde überraschten uns oft mit einem spontanen Besuch in der Werkstatt, sorgten für Verpflegung und willkommene Pausen. War Perle nicht gerade damit beschäftigt, Altteile auf Hochglanz zu bringen oder Sitze in Kunstwerke zu verwandeln, kümmerte er sich um das, bei uns immer gern gesehene, Catering . Manchmal ähnelte die Werkstatt einem Workshop wenn auch noch Trevor tatkräftig mit anpackte und er und Stefan interessiert Fragen über die Funktion des ein oder anderen Bauteiles stellten. Nach mehreren Wochen des Extremschraubens stand fest, dass wir es wohl nicht in dem veranschlagten Zeitraum schaffen würden. Stefan telefonierte mit der Fluggesellschaft und verschob seinen Rückflug um zwei Wochen. Irgendwann haben wir es dann irgendwie geschafft, mit der Gurke beim DMV (Department of Motor Vehicles) vorzufahren, eine Gemüseversicherung hatten wir bereits in der Tasche . Die Anforderungen für die Zulassung eines PKW hier in Alaska sind ein Witz. Das Fahrzeug muss Frontscheiben, Rückleuchten und Frontscheinwerfer und einen Motor plus Getriebe besitzen, funktionieren muss davon nichts; ach so ja, ich vergaß die Räder auf denen das Fahrzeug stehen sollte, Zustand ist natürlich völlig egal. Backsteine sind also nicht erlaubt. Mensch, die sind aber engstirnig! Die Verkehrssicherheit des Fahrzeuges liegt in der Verantwortung des Fahrzeughalters, so sagte man uns , nachdem wir mit offenen Mündern und fragenden Blicken vor der Dame der Zulassung standen. Hier kam auch wieder der grau-weiße 62er von Bernies Freund ins Spiel, er spendierte uns für den Vorführungstag bei dem DMV seine Rückleuchten und Frontscheinwerfer, die Scheinwerfer befinden sich immer noch im Bus und leisten uns treue Dienste, sie werden aber wieder mit der Post nach Alaska gesendet, versprochen! Vielen Dank an Mike Davis ,den Besitzer des Wagens, den wir leider nicht einmal zu Gesicht bekamen, wir kennen nur seine Stimme.

Da die Gurke keinen Brief mehr besaß und wir keine US-Bürger sind, dauerte die ganze Zulassung neun anstelle von sechs Minuten und Trevor ist für ganze drei Minuten stolzer Besitzer der Gurke gewesen. Alles in allem sehr unkompliziert und entspannt. Die nette Dame vom DMV warf noch einmal einen Blick auf die Gurke, wunderte sich kurz, dass der Wagen tatsächlich lief und wünschte uns viel Glück, somit war auch der Zulassungsdrops gelutscht.

Wir konnten endlich los, ab in den Süden. Unser Gepäck war verstaut, der Tank gefüllt, wir hatten uns zum sechsten Mal von unseren Freunden verabschiedet und die langen Unterhosen waren angelegt. Wenige Tage vor Mikes Geburtstag verließen wir die Goldfinch Road in Richtung Süden, wir bedauerten es sehr, nicht mehr an der Feier unseres Garagenhosts teilnehmen zu können. Wenige Kilometer später, die Stadtgrenze war nicht einmal passiert, stand fest, dass es das wohl noch nicht sein sollte, die Gurke wollte einfach nicht so richtig in die Puschen kommen. Wir wussten ja, was uns auf den Weg in Richtung San Francisco noch alles erwarten würde, welche Höhenmeter wir in Kanada noch zu überwinden hatten, die Strecke ist uns ja schon bekannt gewesen. Lange Rede, kurzer Sinn, es war sehr schön gemeinsam mit Mike seinen Geburtstag zu feiern.

Das Problem mit der Gurke hatten wir nach einer Weile behoben, eine gebrochene Bremsfeder und ein ausgelutschter Vergaser, der sich verstellt hatte. Dank der Verzögerung hieß es dann auch noch Schneeballschlacht und Schneemann bauen, hatten wir es doch tatsächlich geschafft, so lange rum zu dödeln, dass wir es genießen konnten, Alaska in weiß zu erleben. Thanks to Mike Wheat, Mike Davis, Bernie, Carl and the whole Fairbanks gang for all your support, your patience and for the nice time we could share with you guys.

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