Gurkensalat / Haltbar bis ....

29.09.2008 - 10.02.2009

Nun sollte es aber doch losgehen und das tat es auch, genau bis zum McDonald Parkplatz in Northpole ( Santaland, ihr erinnert euch? Die biestige Elfe mit dem gefakten Dauergrinsen.) Die Bremsen blockierten und wurden im Gegensatz zu unseren Händen und Füßen ganz, ganz warm. Wir führten das Problem schließlich auf den Hauptbremszylindergeberstempelpinökel zurück, der baujahrmäßig nicht ganz zum neuen Hauptbremszylinder passte und lösten das Problem ganz unkonventionell à la McGyver und A- Team mit einer kleinen Handsäge. Es ging weiter und mit jedem pannenfrei zurückgelegten Kilometer stieg unser Vertrauen in die ziemlich Sahne laufende Gurke; das ekelhafte, leicht hämmernde , metallische Geräusch ließ sich bei höheren Drehzahlen des Motors leicht ignorieren. Nein, es ist kein Ventil gewesen, das hatten wir überprüft und der in Fairbanks gemachte Kompressionstest lieferte auch gute Ergebnisse. Die Fahrt durch Alaska und Kanada war arschkalt doch wunderschön, ein Genuss für die Augen . Ständig entflohen wir dem Winter, sprich dem Schnee, wurden in der Nacht jedoch wieder eingeholt. Bei vollem Einsatz für Dirk’s Fotoaufnahmen der Gurke in alaskanischer Winterlandschaft versenkte ich das Gemüse im weichen Untergrund des Seitenstreifens, trotz des hoch gelobten Hinterachsantriebes gab es kein entkommen. Das Gute hier oben; auch wenn der Verkehr im Winter sehr dünn ausgestrichen ist, der Erste, der dich mit einer Panne am Straßenrand stehen sieht, hält an und versucht zu helfen. Wir mussten nicht lange warten und lernten bald darauf unsere Retter Kristy und Albert aus Colorado kennen. Das sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir den Beiden über den Weg laufen, denn genau wie wir hatten auch sie vor, sich in den Liard Hotsprings in Nordisch-Britisch Kolumbien die Glieder im heißen Wasser zu wärmen.

Neben der Campingplatz Situation, wobei es uns nicht wirklich störte, dass diese alle verschlossen waren, reisten wir doch in unserem mobilen Eigenheim, sollte man beim Reisen durch den Winter Alaskas und Kanadas die geöffneten Tankstellen im Auge behalten und diese dann auch nutzen. Obwohl wir weder über eine Tankuhr, die sich in unserer Ersatzteilkiste in San Francisco ausruhte, noch über einen stetig funktionierenden Kilometerzähler verfügten, sind wir nicht ein einziges mal aus Spritmangel liegen geblieben, aber das lag bestimmt an dem gefüllten Reservekanister, den wir mit uns führten. Das ist wie mit Ersatzteilen, die man die meiste Zeit nur aus dekorativen Gründen und zur Gewichtserhöhung mit sich rumschleppt, doch würde man auf sie verzichten, braucht man sie plötzlich. Neben dem nicht funktionierenden Tacho (aufgrund fehlender Welle) und der nicht vorhandenen Tankuhr, verfügte unsere Sänfte noch über weitere Features, wie zum Beispiel den manuellen Blinkgeber. Gerade in unserem heutigen, modernen und automatisierten Zeitalter ist es doch ein schönes Extra, wenn der Fahrer des Vehikels die Taktfrequenz der Blink- und Warnblinksignale selbst bestimmen kann; blinke ich jetzt im dreiviertel oder im vierviertel Takt, oder beides im Wechsel? Och, heute hab ich mal nen Faulen und lasse den Blinker nicht blinken, sondern ununterbrochen leuchten. Ganz nach Lust und Laune und immer von der Tagesstimmung abhängig. Schön wenn man als Fahrer auch noch etwas mehr zu tun hat, als während der Fahrt zu essen, rauchen und zu telefonieren. Oder unser Dauerbremslicht, auch ein schönes Extra, für das wir keinen Aufpreis zahlen mussten. So sind wir auf jeden Fall immer gut sichtbar gewesen, in der Nacht und am Tage, zumindest von hinten. Über die nicht vorhandenen Scheibenwischer brauchen wir nicht zu sprechen, sind wir doch schon froh gewesen, Frontscheiben zu besitzen, sie halfen uns wenigstens dabei, etwas des lauwarmen Lüftchens der Heizanlage in Richtung unserer kalten Nasen zu leiten. Ein Gutes hatte die Kälte im Bus, da wir in voller Wintermontur da saßen, um nicht zu erfrieren, war das Risiko für den Fahrer, sich am kantig aufgebrochenen Lenkrad die Hände aufzuschlitzen, aufgrund der getragenen Handschuhe, sehr gering. Ja, das ist schon was gewesen, unsere Reise in und mit der Gurke, unserer Unvollkommenheit auf Rädern, bei weitem nicht perfekt und daher sympathisch; doch wir hätten weder im Touareg noch im Cherokee soviel Spaß gehabt und viel cooler ist es sowieso. Die kleinen Unzulänglichkeiten interessieren hier oben in der Wildnis niemanden und wir störten uns auch nicht wirklich dran, man kann sich an einiges gewöhnen.

An einem der wunderschönen Seen trafen wir Kristy und Albert wieder, sie übernachteten im Zelt, während wir nach unserem allabendlichen Ritual des Feuermachens, in unsere Gurke schlüpften. Ja, ja, unsere Gurke besitzt nämlich zwei Sitzbänke, wovon sich eine zum Bett ausklappen lässt, einen kleinen Hängeschrank und einen Klapptisch. Gekrönt wird das Ganze von der gefakten Holzinnenverkleidung, den kleinen Leselampen und den, von Motten zerfressenen, Gardinen. Das allabendliche Lagerfeuer diente zum einen dem Auftauen unserer durchgefrorenen Hände und Füße und zum anderen der Überlagerung des eigenen Körpergeruches. Täglich kamen wir unserem Ziel etwas näher, bei den Takhini Hotsprings nahmen wir , zum ersten Mal nach längerem, wieder eine Dusche und genossen das heiße Quellwasser; auch hier liefen uns die Beiden aus Colorado wieder über den Weg. Einige Tage später hatten wir es beinahe geschafft, um noch an diesem Tag die Liard Hotsprings zu erreichen, fuhren wir bis spät in die Nacht; es schien, als wollte auch unsere Gurke endlich zu den Quellen, sie lief wie geschmiert. Doch plötzlich hörten wir einen Knall, die Leistung nahm abrupt ab. Wir schalteten den Motor aus und kamen mitten im Nichts, zirka 10 Meilen vor unserem Ziel, am Straßenrand zum Stehen. Unser erster Verdacht eines Reifenplatzers bestätigte sich leider nicht. Beim Checken des Keilriemens wunderten wir uns über die Farbe des Motorraums, ehemals grün, waren nun große Teile schwarz. Bei einem Blick hinter den Gebläsekasten konnte man dann auch sehen, woher das Öl, das sich schön gleichmäßig im Motorraum verteilt hatte, kam. Da befand sich ein ungefähr fünf Mark großes Loch an einer Stelle, wo es nichts zu suchen hatte. Die kleinen und größeren Motorgehäusebrocken, die sich einst an der Stelle befanden, wo sich jetzt das Loch befand und sich nun im Motorraum verteilt hatten, waren anscheinend das Resultat des gelegentlich auftretenden, metallischen Klackerns. Nun hatte sich das Bauteil, welches es auch immer gewesen sein mag, Platz geschaffen.

Das erste Fahrzeug, das hielt, war ein mit jungen Mädels besetzter PKW. Sie sahen aus, als ob sie auf dem Weg zur nächsten Disco gewesen sind; Sie verließen uns wieder, da Sie uns nicht wirklich helfen konnten, während wir uns die Frage stellten, wie weit denn hier wohl die nächste Disse entfernt ist. Es vergingen nur wenige Minuten, bis der nächste Wagen neben uns zum Stehen kam, die Seitenscheibe senkte sich und wir hörten nur ein: „Oh no, not again the Germans!“ (Oh nein, nicht schon wieder die Deutschen!). Wir erkannten die breit grinsende Kristy. Es waren mehrere Tage vergangen, seit wir die Beiden das letzte Mal gesehen hatten, nun waren wir überglücklich, Ihnen wieder zu begegnen, wussten wir doch, dass sie ein Abschleppseil besaßen. Es waren nur rund 15 Kilometer bis zum Liard River Roadhouse, wie selbstverständlich halfen uns die Zwei auch diesmal wieder aus der Patsche und zogen uns durch die Dunkelheit der kanadischen Winternacht. Kristy und Albert mieteten sich für einige Tage auf dem Campingplatz neben den Hotsprings ein, während wir in der Gurke auf dem Parkplatz des Roadhouses nächtigten, doch natürlich nicht ohne zuvor das zu tun, was wir uns für diesen Tag zum Ziel gesetzt hatten. Wir schnappten uns Handtücher, gingen mit Taschenlampen bewaffnet zu den Quellen und genossen mitten in der Nacht, so wie uns die Natur schuf, das heiße, nach Schwefel stinkende Wasser. Eine wahre Belohnung nach all der Kälte und diesem Malheur mit der Gurke. In dem heißen Wasser sitzend, ließ es sich außerdem viel besser über weitere Pläne nachdenken. Was mir in diesem Moment aufgefallen ist, trotz der Panne, die das Aus für unseren Gurkentrip bedeuten konnte, blieben wir alle sehr entspannt und machten sogar Witze. Wie gesagt, immer schön positiv denken, es macht vieles einfacher. So oft haben wir schon vor verzwickten Situationen gestanden; wir hatten gelernt einen kühlen Kopf zu bewahren.

Durchgewärmt, erholt und völlig matschig von dem heißen Wasser, schmissen wir uns auf die Klappbank und beendeten diesen ereignisreichen Tag. Am darauf folgenden Morgen lernten wir Helmut kennen. Helmut, in Deutschland geboren und einige Jahre dort aufgewachsen, arbeitete hier im Roadhouse, das neben einer Tankstelle auch über einen Campingplatz, ein Restaurant und mehreren Gästezimmern verfügte, als so eine Art Hausmeister. Ein zu Anfang eher ruhiger aber sehr hilfsbereiter Kauz, der nicht gerne über seine Vergangenheit redete. Der Motor ließ sich drehen, das Loch verschlossen wir mit etwas JB-Weld (ein zwei Komponenten Metallkleber) und einem Stück Stahl, das wir uns aus einem herumliegenden Teil heraus flexten. Das hatte mal wieder so was von A-Team und Mc Gyver; unsere lieb gewonnenen Buschmethoden. Beim Durchspülen des Motors kamen uns erstaunlich viele Metallbrocken entgegen, was uns stutzig machte. Wir drehten die Zündkerze des dritten Zylinders heraus, steckten einen langen Schraubenzieher in die Öffnung und waren nicht gerade erfreut, als der sich, beim Durchdrehen des Motors, nicht einen Millimeter bewegte. Ok, das war’s, der Gurkentrip war damit erst einmal beendet. Das obere Pleuellager, also die Verbindung zwischen Pleuelstange und Kolben, existierte nicht mehr.

Bei einem heißen Bad überlegten wir uns, wie wir weiter vorgehen wollten und lernten dabei zwei nette Familien aus Fort St John kennen, die hier oben ihre letzten Campingtage für dieses Jahr verbrachten. Megan, Samuel, Emily und Marcus, vier wundervolle kleine Monster, mit denen wir eine Menge Spaß gehabt haben. Bei einem Barbecue, zu dem Sie uns am Abend einluden, lernten wir dann auch die Eltern der Kleinen besser kennen. Leona, Alison und Otto, aufgeschlossene, offenherzige Menschen, so wie wir es noch aus Fairbanks gewohnt waren. Thank you guys for sharing such a nice, good time and thank you for the sausage and corn.

Der Plan stand; wir fragten Helmut, ob es möglich sei, den Bulli für einige Wochen dort oben stehen zu lassen und informierten uns nach Greyhound Verbindungen in Richtung Süden. Nochmals schliefen wir eine Nacht in Helmut’s Werkstatt, räumten dann die Gurke komplett aus und lagerten die Sachen auf dem Zwischenboden der Werkstatt ein. Danach schoben wir den Bus hinter den Schuppen. Wir kramten all unsere Lebensmittelreste hervor und versuchten daraus kleine, schmackhafte Snacks zu zaubern. Wir luden Kristy und Albert zu uns ein , um nochmals Dankeschön zu sagen und uns endgültig zu verabschieden, denn ab nun gingen wir getrennte Wege und Sie brauchten sich nicht mehr davor zu fürchten, uns erneut irgendwo auflesen zu müssen. Es ist ein sehr netter und unterhaltsamer Abend gewesen. Hey Kristy, hey Albert, thank you so much guys, you have been our guardian angels; twice!

Mit einem gewaltigen Haufen Gepäck ging es abends um 10 im Greyhound in Richtung San Francisco; ein Trip von zweieinhalb Tagen, nonstop. Wir entschieden, den Trip so gut es geht zu genießen und wollten aus diesem Grund mehrere Stopps einlegen. Der erste hieß Vancouver. Greyhound steht für Abenteuer einer neuen Dimension. Jeder sollte mal solch eine Tour mit dem Bus unternehmen, es glich einer Freakshow und die war vom Feinsten und sogar im Preis inbegriffen. Mal waren es einige der Mitreisenden, mal der Busfahrer selbst, die einem das Gefühl vermittelten, am liebsten in einen ganz tiefen Schlaf fallen und erst wieder in San Francisco aufwachen zu wollen. Wir wollten es Helmut nicht abnehmen, all die unvorstellbaren Greyhound Geschichten, doch jetzt saßen wir selbst in der ersten Reihe.

Vor allem Dirk war einmal hautnah dabei, als auf dem Schmuddelsender mal wieder ein Softporno gesendet wurde. Zwei Mädels, eine von beiden hatte anscheinend Geburtstag, was man auch deutlich an ihrem stark angeheitertem Zustand bemerken konnte, stiegen irgendwo in der Nacht hinzu und freundeten sich sehr schnell mit zwei männlichen, na eher pubertierenden Heranwachsenden, an. Plötzlich sah man das Geburtstagskind auf dem Schoß des einen Typen sitzen, hatte sie doch anscheinend ihr Geschenk entdeckt und war gerade dabei es auszupacken. Zum Glück hielten die Beiden den größten Teil ihrer Klamotten am Leibe und zu dem war es im Bus auch noch recht dunkel; so wurden einem zumindest die kleinen Details erspart, doch die Geräuschkulisse und die eindeutigen rythmischen Bewegungen, verrieten uns, dass es sich hier nicht um Kinderfernsehen handelte. Ich kann mich gar nicht mehr an den Geruch der Luft im Bus erinnern, zum Glück, aber lassen wir das, ich bin mir sicher man konnte sie schneiden. Dann gab es da noch den „Vollstrecker“, das war der Streifen, der in meinem Programm gesendet wurde. Der bullige Typ, gebaut wie ein Schrank mit einer sehr ausgeprägten „Vokuhila“- Frisur, stieg ebenfalls in der Nacht zu, was die Sache eher unheimlicher machte. Den langen, schwarzen, zugeknöpften Mantel behielt er die ganze Zeit über, fest verschlossen, an seinem Körper, so wie die schwarze Tasche, die er stets wohl behütet auf seinem Schoß stehen hatte. Ständig lief folgende Szene vor meinem inneren Auge ab; der Typ rastet aus, zieht ein langes Schlachterrmesser unter seiner Kutte hervor und läuft im Bus Amok. Ok, ich mag vielleicht eine blühende Phantasie besitzen, doch so etwas hatte es schon gegeben. Bekamen wir doch von mehreren Fahrgästen zu hören, dass erst vor kurzer Zeit jemand im Greyhound enthauptet wurde. Im Laufe der Busfahrt erfuhren wir dann, das unser Schlächter ein Faible für Armbanduhren und Taschenlampen hat und seine Lieblingsfarbe schwarz ist, hätten wir uns ja auch fast denken können; aber ansonsten schien er ein ganz harmloser Geselle zu sein.

Der Busfahrer dieses Abschnitts ist ein ganz ruhiger gewesen, wir denken, das vor seinen Augen schon so einige Streifen abgelaufen sind. Im Gegensatz zu dem Fahrer, den wir ab Vancouver genießen durften; als er sich zu Beginn vorstellte und uns allen auf eine sehr witzige Art und Weise seine Regeln näher brachte, war die gesamte Mannschaft am Lachen, noch! Doch seine „Lautstärkeregel“ nahm der Gute sehr genau. Gespräche zu seinem Nachbarn nur im Flüstermodus, Atmen nur wenn es wirklich nötig ist und wer telefonierte befand sich schon mit halbem Arsch über dem Abgrund. Der Typ, der hinter dem Steuer dieses Busses saß schien in den letzten 40 Jahren schwererziehbaren Jungs in den Bootcamps der USA das Leben zur Hölle gemacht zu haben; als sie ihn dort wegen Anwendung zu grausamer Mittel vor die Tür gesetzt haben, versuchte er es einfach als Busfahrer; zum großen Bedauern vieler Greyhoundreisender haben die ihn dort tatsächlich genommen. Er fuhr los, im Bus herrschte normale entspannte Lautstärke, bis er den Bus plötzlich auf dem Autobahnzubringer zum Stehen brachte, sich von seinem Sitz erhob und zum hinteren Drittel des Busses kam, dabei deutete er auf einige der Mitreisenden und sagte dabei: „You, you and you...“ ( Du, du und du...). Mit einem furcht einflößenden Blick blieb er zwischen den Sitzreihen stehen und erläuterte erneut seine Lautstärke- Regel. Er wies darauf hin, dazu bemächtigt zu sein, Fahrgäste an Ort und Stelle rausschmeißen zu können und machte nochmals deutlich, das der nächste, der laut atmet, fliegt. Dabei trug er die ganze Zeit diesen irren Blick in seinen Augen; der Typ sah aus , als würde er zum Frühstück kleine Kinder verspeisen; samt Dreirad! Gerne hätte ich mich noch etwas mit meinem sehr interessanten Platznachbarn unterhalten, doch der natürliche Überlebensdrang verleitete uns zum Schweigen. Ich konnte nur in Erfahrung bringen, dass er mit Gitarre im Rucksack und Musik im Blut auf dem Weg in die Südstaaten gewesen ist, um dort den Blues zu erleben, danach sollte es dann wieder zurück in die Heimat gehen, per Anhalter versteht sich.

Stefan hingegen unterhielt sich sehr ausführlich mit seiner Reisebegleitung, ich bemerkte wie sich einige Fahrgäste zu Stefan drehten und verständnislos den Kopf schüttelten. Kurze Zeit später ließ uns der Busfahrer dann auch wissen, was er von Stefan’s Unterhaltung hielt, an der Grenze zu den USA sollte es das für unsere Perle erst einmal gewesen sein, aus die Maus in Sachen „Schöner Reisen mit dem Greyhound“. Doch als es nach einer kurzen Entspannungspause an der Grenze weiterging, und das sogar mit Stefan, stand für uns fest, dass der Typ, mit dem Lenkrad, in der ersten Reihe, ein Mann der großen Worte, jedoch nicht Taten gewesen ist. Ein Schnacker! Die Leute im Bus begannen wieder zu atmen und führten sogar Unterhaltungen, die über Zeichensprache hinausging.

Während unseres zweinächtigen Aufenthaltes in Vancouver lernten wir die Stadt, deren Nachtleben und Jouni aus Finnland kennen. Jouni reiste durch Kanada und verdiente sich sein Geld als professioneller Straßenkünstler. Auch eine interessante Art die Welt zu bereisen. Nach unserem Aufenthalt in Vancouver ging es für uns erst einmal wieder weiter, bis Seattle und selbstverständlich wieder mit unserem Lieblingsfortbewegungsmittel, dem Greyhound. In der Stadt an der Elliot Bay blieben wir mehr oder weniger eine Woche lang hängen, wurden wie selbstverständlich von Sarah und Brennen in Capitol Hill aufgenommen ( die Beiden sind Freunde von Roxy), haben Miki und Doug wieder gesehen und Roxy’s Geburtstag gefeiert. Die letzten 1300 Kilometer bis nach San Francisco waren ohne besondere Vorkommnisse schnell überstanden. In der Stadt an der Bay beherbergten uns Niki (mit ihr hatten wir damals zusammen bei Eric gelebt) und ihre deutsche Freundin Melissa. Die beiden hatten sich mittlerweile WG- mäßig niedergelassen und eingelebt. Nun hatte Stefan tatsächlich mal die Chance, die Stadt etwas besser kennen zulernen, den Flughafen kannte er ja bereits ganz gut; es schien ihm sehr zu gefallen. Die paar, bis zu seiner Abreise von L.A., verbleibenden Tage, versuchten wir so gut es ging zu nutzen; wir lagen am Strand, genossen grandiose Sonnenuntergänge, bereicherten den Einzelhandel, besuchten Sehenswürdigkeiten, amüsierten uns beim „Red Bull Soapbox Race“ im Dolores Park und stürzten uns ins Nachtleben.

Nun gab es da ja aber auch noch Los Angeles, die Stadt der Stars und Sternchen. Während Dirk sich noch etwas in der Stadt mit dem „goldenen Tor“ erholte, setzten Stefan und ich uns erneut in den Bus mit dem Windhund Logo und eroberten die „Stadt der Engel“. Nochmals ein Lob auf das soziale Network des weltweiten Netzes; auch hier half es uns wieder erfolgreich bei der Unterkunftssuche. In L.A. gestrandet, liefen wir mit Isomatte, Ruck- und Schlafsack bepackt über den sogenannten „ walk of fame“ und das morgens um sieben, ein ganz besonderes Erlebnis. Wir stolperten über mehr und weniger bekannte Namen und wunderten uns beide über den starken Unterschied zwischen unserer Vorstellung und der Realität. Im Fernsehen sieht es immer ganz anders aus, wenn die Stars aus der Limousine über den roten Teppich wandeln, um der Premiere eines ihrer Filme beizuwohnen. Viel Glanz, Glitter und Fake. Das hatte mit dem was wir hier sahen nichts gemeinsam. Unweit des „walk of fames“, vorbei an den Nachtlagern einiger Obdachloser, lernten wir unseren Host (Gastgeber) Adam kennen, er lud uns dazu ein, einige Nächte sein Appartement mit ihm zu teilen. In den folgenden Tagen steckten wir unsere Füße in den Sand des Venice Beaches, sahen nun auch die Glanz- und Glitterseite L.A.‘s und erlebten das Nachtleben der teuren Millionenmetropole; wenn immer er Zeit hatte, brachte uns Adam die Stadt näher. Hey mate, thanks for hosting us, we had a great time.

So, ab jetzt wird es eventuell etwas komplizierter, wir erreichen die nächste Schwierigkeitsstufe in Sachen „wer mit wem, wie und wohin“. Gut aufpassen! Perle machte sich auf den Heimweg nach Deutschland, ich flog einen Tag später zurück nach San Francisco, wo Dirk und die Brezel bereits auf mich warteten. Ich glaube, es sind zwei Tage gewesen, die wir gemeinsam in Mountain View verbrachten, bevor ich Dirk am Flughafen absetzte und er sich aus familiären Gründen für eine Weile nach Deutschland absetzte. Ich ließ mich wenige Tage darauf von Ray am Airport absetzen, um einige Stunden später im Norden, genauer gesagt in Seattle, die Aktion „Rettet das Gemüse“ ins Leben zu rufen. Den, ja ‚ nennen wir es ruhig einmal Plan hier für hatten wir auf unserer über 3800 Kilometer langen Greyhoundfahrt geschmiedet. Außerdem bot uns der gute John einen Motor an, erinnert ihr euch noch an ihn? Wir hatten John damals bei unserem Start im Juni in Seattle zufällig kennen gelernt, er hatte uns zwei spikebesetzte Räder für die Brezel mit auf den Weg gegeben. Dieses Mal bot er uns einen laufenden Motor an, als er von unserem Gurkensalat erfuhr. Auf die Frage, was er denn gerne für den Motor hätte, bekamen wir die gleiche Antwort wie damals bei den Käferrädern. Wir erinnern uns noch was er damals im Juni zum Abschied zu uns sagte: „If you guys need help, call me, where ever you are.“ ( Wenn ihr Jungs Hilfe benötigt, ruft mich an, wo auch immer ihr seid.) John ist definitv einer der Guten und ein Mann der Tat.

Untergekommen bin ich wieder bei Sarah und Brennen; es fühlte sich an wie nach Hause kommen, alles ist einem vertraut, nichts ist fremd. In den folgenden zwei Wochen versuchte ich mit John einen Weg zu finden, den Motor zum Bus oder den Bus zum Motor zu bekommen. Die Überlegung, sich mit dem Ersatzmotor ausgerüstet in den Greyhound zu setzen, um ihn dann oben vor Ort bei den Liard Hotsprings in die Gurke zu implantieren, scheiterte an Logistikproblemen und ist sowieso irrsinnig gewesen, also hieß es, die Gurke muss irgendwie runter nach Seattle.

John besitzt da noch diesen alten Ford Van von 1969; jou, genau der ist es am Ende geworden. Es gab ein paar Kleinigkeiten zu reparieren, bevor John den Wagen zuließ und ich aufbrechen konnte. Ein 40 Jahre alter, blauer dreiviertel Tonner, mit ordentlich Hubraum, einer geschmeidigen Dreigang Lenkradschaltung und einer Menge Platz im Innenraum, denn außer einem Fahrersitz, mit nicht vorhandener Kopfstütze, doch dafür mit einem gewissensberuhigendem Zweipunkte „Sicherheits“-Gurt ausgestattet, ist der Wagen völlig leer gewesen, nicht einmal einen Beifahrersitz gab es, an dessen Stelle platzierten wir einen großen Reservekanister, denn eine Tankanzeige war auch hier kein Thema. Zum Glück betreibt John ein kleines Unternehmen für Gewebefiltermatten und nicht für Nagelbretter, schnell waren ein paar Filterbahnen zurecht geschnitten und der Schlafsack ausgerollt. Der Van, ich taufte ihn aufgrund seines Alters auf den Namen „Granny“ (amerik. Kurzform für Großmutter) sollte für die kommende Woche meine neue Behausung sein und mich sicher in den Norden und auch wieder zurück bringen. Ich fand es verdammt stilecht, mit einem 40 Jahre alten Van einen 44 Jahre alten Bulli abzuschleppen.

Ausgerüstet mit einer Gallone Milch, einem Kanister voller Trinkwasser, einigen Packungen Müsli und etwas Obst, um so etwas wie eine Grundverpflegung zu sichern, ging es an einem Dienstag Abend auf der Interstate 5 in Richtung Norden. Die erste Nacht verbrachte ich irgendwo auf einem Rastplatz auf kanadischer Seite. Den Trailer, um die Gurke huckepack zu nehmen, wollte ich mir in dem von der Gurke noch 370 Kilometer entfernten Ort namens Fort Nelson mieten und diesen dann unten in Seattle wieder abgeben, das sollte etwas der Leihgebühr und der Spritkosten einsparen. Hier in Fort Nelson wollte ich mich auch mit der netten Familie, die wir damals in den Liard Hotsprings kennen gelernt hatten, treffen.

Das Wetter bot einem die ganze Palette, von strahlendem Sonnenschein über Schnee bis zum Eisregen, für jeden Geschmack war etwas dabei. Ich habe noch nie zuvor in einem so kurzen Zeitabschnitt so viele Unfälle gesehen; Pkws im Seitengraben, quer stehende Lkws und selbst ein Greyhound Bus samt Anhänger, der sich überschlagen hatte und dann in den Rabatten zum Stehen, oder besser gesagt zum Liegen kam. Bei dem Anblick des Wracks schossen mir einige Gedanken und Bilder durch den Kopf und ich war froh, den Wagen genommen zu haben; auch wenn es mir hinter dem Steuer dieses spritschluckenden Panzers, aufgrund der miserablen Straßenverhältnisse, so manches Mal recht warm wurde, bin ich doch wenigstens selbst Herr über das Gaspedal gewesen und habe stets Nachtfahrten wegen des hohen Wildwechsels vermieden. Denn auch wer bremst, hatte bei den glatten Strassen verloren. Am Morgen der zweiten Nacht, irgendwo am Straßenrand, habe ich mir ordentlich die Klöten abgefroren, es war bitterkalt, Väterchen Frost klopfte an die Wagentür. Der Winter, dem wir damals auf unserer Fahrt mit der Gurke in Richtung Süden ständig versucht haben zu entfliehen, war mittlerweile recht weit vorgerückt. Doch die zu dieser Jahreszeit fast unheimliche Ruhe und diese wunderschöne, bizarre und raue Landschaft entschädigten für so manche vor Kälte tauben Gliedmassen. Es war ein Glücksgefühl der besonderen Art; ein Gefühl alleine auf Mutter Erde zu sein.

In Fort Nelson angekommen, rief ich von einer Tankstelle aus, Alison an. Sie und ihre Familie, so wie die ihrer Freundin Leona, hatten wir damals in den Liard Hotsprings kennen gelernt. Nach einer kurzen Standortbeschreibung meinerseits, setzte sie sich in den Wagen um mich aufzusammeln. Da stand ich da und wartete, bis auf einmal die nette Dame von der Tankstelle mit dem Telefon in der Hand zu mir in die Kälte kam und es mir in die Hand drückte. Alison fragte mich ob ich in Fort Nelson sei, nach kurzer Zeit des Schweigens begannen wir Beide herzhaft an zu lachen. Wohnten sie doch im knapp 400 Kilometer entfernten Fort St. John. Nachdem ich dann auch noch feststellen musste, dass der örtliche U- Haul Dealer (vergleichbar mit Europcar etc.) nicht einen einzigen Trailer auf seinem Hof stehen hatte, drehte ich mich um 180 Grad und fuhr wieder in Richtung Süden. Zugegeben, an dieser Stelle hätte etwas mehr Organisation im Vorfeld nicht weh getan und hätte einem einige Stunden hinter dem Steuer erspart, doch , naja, reden wir einfach nicht weiter darüber. Gegen zehn Uhr in der Nacht freute ich mich, Alison wieder zusehen, in dieser Nacht schlief ich wie ein Stein; man lernt einfache Dinge wie eine heiße Dusche oder auch ein warmes Bett sehr zu schätzen.

Die kleinen Monster, Emily und Marcus, waren völlig aus dem Häuschen, als sie mich am folgenden Morgen am Frühstückstisch sitzen sahen. Alle zusammen überredeten sie mich dazu noch eine weitere Nacht zu bleiben und Halloween mit ihnen zu feiern. Ich bekam die ganze „Liard Hotsprings Truppe“ zu sehen; es war wunderschön! Die nette Dame, bei der ich mir hier in Fort St. John den Trailer mietete hatte eine Menge unglaubwürdiger und interessanter Geschichten auf Lager. Haltet mal Ausschau, sie erzählte mir, irgendwann einmal ein Buch mit all den Geschichten veröffentlichen zu wollen; es lohnt sich. Wohl genährt und mit einem Proviantpaket an Süßigkeiten, die die Kleinen von ihrem Haufen für mich abgezwackt hatten, machte ich mich erneut auf den Weg in den Norden, diesmal mit einem Trailer im Schlepptau. Noch am selben Tag erreichte ich das eingeschneite Liard River Roadhouse; Helmut der am Tisch seiner selbstgebauten Blockhütte saß, staunte nicht schlecht als er mich, beim Blick durch sein Fenster erblickte, wusste er doch nichts von meiner Ankunft. Wir saßen eine Weile zusammen und quatschten über Gott und die Welt. Bevor ich mich in Helmut’s Wohnmobil, das er mir freundlicherweise anbot, zurückzog, stapfte ich nochmals durch den Schnee und bahnte mir den Weg durch die Dunkelheit, um wenig später ins heiße Nass der Quelle einzutauchen. Da war es schon wieder, das Gefühl, alleine auf diesem Planeten zu sein. Es war stockduster, es lag Schnee und ich hatte das Ganze für mich alleine.

Am nächsten Morgen verlud ich, mit der Hilfe eines netten Herren, die Gurke, die noch genauso da stand, wie wir sie damals zurücklassen haben müssen. Es gab nur zwei Veränderungen, zum Einen war sie mit einer 20 Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt und zum Anderen fehlte die Verteilerklemme, aber das wussten wir schon vorher. Einige Wochen zuvor bekamen wir eine E- mail von einem jungen Geschwisterpaar aus Kalifornien, genau wie wir waren sie von Norden kommend auf dem Weg in die Heimat mit ihrem T2 Bulli bei den Hotsprings liegen geblieben. Bei einem Gespräch mit Helmut erzählte er ihnen von unserem Dilemma. Wir sind froh das wir den Beiden weiterhelfen konnten, mit der Klemme aus der Gurke konnten sie ihre Reise fortsetzen. We wish you guys to have always a funny and safe ride! Dir Helmut einen ganz herzlichen Dank für deine Hilfe, ohne Dich wären wir damals ziemlich aufgeschmissen gewesen. Pass auf Dich auf!

Ich verabschiedete mich von Helmut, lud all den restlichen , eingelagerten Kram der Gurke in den Ford und machte mich auf die Socken; wollte ich doch noch an diesem Tag wieder in Fort St. John sein. Letztendlich siegte dann doch die Müdigkeit; kurz vorm Erreichen der Stadt legte ich mich auf einem Rastplatz ins Schlafabteil des Vans. Früh am Morgen besuche ich Leona und ihren Mann in ihrem sehr idyllisch gelegenen Blockhaus vor den Toren der Stadt, sagte Alison nochmals Hallo und fuhr weiter in Richtung Süden.

Genau eine Woche nach meinem Start in Seattle und ca. 3500 Meilen später (das entspricht ca. 5600 Kilometer, von Seattle nach New York sind es 4640 Kilometer), stand ich wieder auf John’s Hof; die Rettungsaktion war soweit geglückt. Nun verblieben nur noch circa 1300 Kilometer bis zum Ziel San Francisco und diese Strecke sollte die Gurke wieder selbst unter ihre Räder nehmen. Wäre doch gelacht wenn wir das nicht irgendwann hinbekommen sollten. Wie heißt es so schön; step by step!

Ihr seid noch dabei, bekommt soweit noch alles auf die Reihe? Okay, dann haltet Euch fest; Schwierigkeitsstufe drei beginnt. Ihr dachtet doch wohl nicht, das „Hin und Her“ hat schon ein Ende. Ihr solltet wissen, ihr reist hier mit zwei organisierten Chaoten durch´s Land!

Die nächsten Tage verbrachte ich in John’s Shop, gemeinsam mit ihm, tauschten wir nicht nur den Motor der Gurke aus, wir de- und montierten auch so manches Triebwerk seiner eigenen VW’s. Unsere Gurke zickte gewaltig rum, der eingebaute Motor aus dem Käfer Cabriolet lief Sahne; bekam man ihn denn erst einmal gestartet. Er wollte doch einfach nicht anspringen, der Schweinehund. Während meines letzten Aufenthaltes hatte ich beim Erkunden des Nachtlebens Seattles ein paar nette Leute kennen gelernt. Nun bekam ich diesmal auch die restlichen Bewohner der 10-köpfigen Studenten- Wohngemeinschaft zu Gesicht. Schnell wurde ich adoptiert und dazu eingeladen das Haus im University- District mit ihnen zu teilen. Klar musste ich da nicht lange überlegen und zog ein. Es tat mir sehr gut, nach einem frustrierenden Gurkentag mit meinen neuen, interessanten Mitbewohnern zu quatschen.

Ich hätte ja nicht so schnell aufgegeben, mich mit Gurke´s Wehwehchen herumzuschlagen, doch die Zeit saß mir im Nacken. Mein 6-monatiges Visum für die USA war auf dem besten Wege innerhalb der nächsten Tage auszulaufen; ja, ein halbes Jahr tingelten wir nun schon durch die USA. Es ist normalerweise nicht möglich, so schnell wieder einreisen zu können. Mit unserem B1/ B2 Visum ist es uns erlaubt, über 10 Jahre lang, pro Jahr 6 Monate in den USA zu verbringen, das heißt, hat man sich bereits 6 Monate in den Staaten aufgehalten, so muss man für mindestens 6 Monate das Land verlassen, bevor man es wieder bereisen darf. Da ich das Risiko nicht eingehen wollte, irgendwo auf der Strecke zwischen Seattle und San Francisco mit der Gurke liegen zubleiben und dadurch nicht rechtzeitig das Land verlassen zu können, beschloss ich, das Gürkchen John’s Obhut zu überlassen und den Flieger zu nehmen. So oft wir nun auch schon zwischen Nord und Süd hin- und her gesprungen sind, noch nicht einmal hatte ich die Gelegenheit gehabt die Schönheit der Küstenstrecke zwischen Seattle und San Francisco zu genießen. Es sah ganz so aus, als ob es auch diesmal nichts werden würde.

Endlich wieder etwas mehr Sonne, unten in Mountain View/ Kalifornien verbrachte ich zwei Nächte in Mark´s Shop, bevor ich mich in die Brezel setzte und Dürreck am Flughafen in Empfang nahm. Wir hatten uns einiges zu erzählen, doch nicht all zuviel Zeit, denn da gab es ja noch mein auslaufendes Visum. Für all diejenigen, die noch nicht völlig konfus sind und sich fragen warum sich Dirk nicht in Aufbruchstimmung befand; er hatte damals bei unserer Einreise im Mai sieben anstelle von sechs Monaten in seinen Reisepass gestempelt bekommen, nein, Bein musste Dirk dafür nicht zeigen, der Officer war des Kopfrechnens einfach nicht mächtig und selbst als er, wie ein Fünfjähriger, die Monate an seinen Fingern abzählte, versaute er es; gut für Dirk!

Wir beide hatten mal wieder etwas Zeit zusammen zu frühstücken und in Mark´s Sammlung Lust zuwandeln. Einige Tage später verabschiedete ich mich erneut von Dirk, unklar ob ich die USA wieder betreten könne. Mit dem Flieger in San Diego gelandet, setzte ich mich dort in den nächsten Greyhound um die Grenze zu Mexico zu überschreiten. In Tijuana (einer Grenzstadt) gestrandet, versuchte ich eine Art Ausreisenachweis der USA zu erhalten um spätere Einreiseprobleme zu vermeiden. Es war keine leichte Aufgabe sich mit den US- Grenzbeamten herumzuschlagen. Mit dem Auftauchen auf „amerikanischer Seite“ und dem Stellen einiger simpler Fragen brachte ich einen der Grenzbeamten bereits völlig aus dem Häuschen und trieb ihn an seine Grenzen. Nach einigem Hin und Her entfernte mir ein anderer Grenzbeamte, nicht gerade mit einem Lächeln im Gesicht, den auf den 22. November 2008 datierten „Nachweis“ und rieb mir nochmals mit aller Deutlichkeit unter die Nase, dass es mir nun nicht mehr so schnell möglich sei in die USA einzureisen. Also Kooperation und Freundlichkeit sehen bei mir anders aus!

Irak, den ich, klar, auch wieder übers Internet kennen gelernt hatte, sammelte mich unweit der Grenze auf. Ich fühlte mich bei seiner Familie auf Anhieb sehr wohl, bekam mein eigenes Zimmer, wurde dazu aufgefordert, mich zu Hause zu fühlen und dazu eingeladen, so lange bei ihnen zu bleiben wie ich wollte oder es nötig sei. Die Gastfreundlichkeit ist überwältigend gewesen. Irak´s Familie half mir sehr, die Zeit in Tijuana zu genießen, fühlte ich mich doch in der Stadt fremd und auch etwas unwohl. Es war eine andere Welt. Das Überschreiten der Grenze ist wie das Eintauchen in eine fremde Dimension gewesen, so stellte ich mir es auf jeden fall vor. Größer könnten die Unterschiede nicht sein; Infrastrukturell, wie auch kulturell. Irak brachte mir die Stadt und deren Nachtleben näher; am dritten Tag in Tijuana, einem Sonntag, packte ich meinen Rucksack und versuchte einfach mein Glück. In der Schlange vor den Grenzposten stehend, sah ich mit großem Entsetzen, das es sich bei einem der Posten um die unkooperative Dame vom Donnerstag zuvor handelte. Jedes mal, wenn sie ihren Blick durch die Menge schweifen ließ um etwas ihres Frohsinns zu versprühen, drehte ich mich mit dem Rücken zu ihr um Blickkontakt zu vermeiden. Mit dem Kürzerwerden der Schlange stellte ich erfreut fest, dass ich bei dem Kollegen neben ihr anstand. Er wieß mich freundlich darauf hin, einen neuen I- 94 zu benötigen. (dabei handelt es sich um ein Stück Papier, das man bei der Einreise in den Reisepass getackert bekommt, neben dem Datum der Einreise enthält es auch das Datum zu dem man das Land wieder verlassen muss) Diesen Nachweis sollte ich im Office nebenan erhalten. Der Grenzbeamte in diesem Büro, das mir noch gut in Erinnerung gewesen ist, war relativ entspannt; er stellte mir einige Fragen, wollte mein Portemonnaie sehen und fing irgendwann an, mich beim Vornamen zu nennen. Als er mir alles Gute wünschte und ich den neuen I-94 sah, den er mir in meinen Reisepass tackerte, fiel mir ein kompletter Steinbruch vom Herzen. Noch einmal 6 Monate, das eigentlich Unmögliche hatte tatsächlich funktioniert. Oh man, was hatte ich mir zuvor den Kopf zerbrochen, hatte mich beim Immigration Office in San Francisco informiert und mich schon darauf vorbereitet, in Tijuana auf Dirk und die Erbse warten zu müssen und nun hatte ich einfach so eine Aufenthaltsgenehmigung für die nächsten 6 Monate bekommen.

Vollgepumpt mit Endorphinen, passierte ich die Grenze, kaufte mir ein Greyhound- Ticket und machte mich auf den Weg in die Downtown San Diegos. Dort verbrachte ich zwei Nächte in einem Hostel und wartete darauf, wieder nach San Francisco fliegen zu können; den Flug hatte ich schon im Voraus gebucht, ungewiss ob ich die USA wieder betreten könne. Es war einfach günstiger gewesen, den Flug verfallen zu lassen als ihn „last minute“ zu buchen.

Gewohnte Szenen spielten sich ab, Dirk nahm mich am Flughafen in Empfang, wir frühstückten zusammen und zerbrachen uns über den weiteren Ablauf unsere Köpfe. In letzter Minute kamen wir zu einer Entscheidung; ich flog noch am selben Tag wieder nach Seattle, während Dirk wenige Tage später nochmals nach good old Germany flog. Zugegeben, das alles hört sich etwas chaotisch an, doch in dieser Situation erschien uns diese Variante am sinnvollsten.

Diesmal nahmen wir uns etwas mehr Zeit, kein auslaufendes Visum, kein Stress und niemand der uns hetzte. Ich lebte für eine Weile zusammen mit meinen Freunden oben im University- District in Seattle und versuchte die Gurke endlich startklar zu bekommen und Dirk freute sich darauf, Zeit mit seiner Liebsten und seiner Familie verbringen zu können. Thanksgiving wurde ich von Ray, einer der WG-ler und seiner Familie eingeladen, über Neujahr amüsierte ich mich mit Freunden in einem Wochenendhaus am Lake Quinault im Olympic Forest Nationalpark und freute mich über das völlig eingeschneite Seattle. Für einige Tage ging hier nichts mehr, alles stand still, für einen Deutschen ein ungewohnter Anblick; die Hauptstrassen und selbst die Interstate waren komplett mit einer dicken Schneedecke überzogen. Ich sah Leute, die auf Skiern und Snowboards die Hauptstrassen entlang glitten. Das Leben schien sich für einige Tage verlangsamt zu haben, ein schönes Gefühl.

Mittlerweile ist der ganze Schnee wieder geschmolzen, seit zwei Tagen genieße ich die wärmende Wintersonne. Die Gurke läuft und scharrt mit ihren Hinterrädern; bald soll es losgehen, nach San Francisco und dieses mal mit dem Gemüse im Gepäck. Was sind schon 1300 Kilometer, mal sehen wie’s läuft.

Das nächste Kapitel unseres Assikringels wartet auf uns. Vor einigen Monaten fühlten wir uns beide noch nicht danach, weiter zuziehen, zu sehr genossen wir die Bay-Area, doch nun kribbelt es uns beiden in den Füßen, gespannt darauf, was uns noch alles erwarten wird, das Gefühl ist tausendmal besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Es wird wieder Zeit, die Segel zu setzen, wie Dirk schon sagt: „Die Brezel muss laufen.“

Ich möchte mich an dieser Stelle bei einigen Menschen, die in mein Leben getreten und mir sehr wohl gesonnen gewesen sind, bedanken. Ohne Sie hätte ich die Zeit hier in Seattle nicht so sehr genossen.

First of all thanks to John, your helpfulness and friendship is overwhelming, to have a friend like you is a big precious present. Stay healthy! I hope to see you some day in New Zealand sitting on a boat fishing!

Jack and his guys from “Wolfsburg Motorwerks” I have been glad to spend some more time with you. Thanks for all your support and patience with me and the Gurke! You guys are the most relaxed and best coactive team I have ever seen. A shame that you don’t have a bodyshop.

Thank you Sonya and Bobby for your friendship and the special time we spent at the lake.

Last but not least I would like to thank the guys and their friends that adopted me while staying in the “Big House”. Ray, John, Kyle, Noe, Andrew, Sarah, Lauren, Rosa, Aubrey, Miriam, DJ, Margot, Brian, Tim, Zack, Tammy and Madelyn. We just know each other since two month, but I felt close to you already after the first week. I don’t like to say goodbye, so let me say “ Auf Wiedersehen!” You got part of a very special part of my life. Thanks for sharing such a nice time with me; I enjoyed every single day! Best to you all. Tedesco will miss you!

Um nun den ersten Abschnitt unseres Assikringels Tagebuch mäßig abzuschließen, hier noch ein paar Zeilen. Nun sind wir wieder alle vereint, das Gemüse hat sich bereits beschnuppert und angefreundet, Dirk und ich hatten uns nach zwei Monaten ´ne Menge zu erzählen, die Küstenstrecke zwischen Seattle und San Francisco zieht sich wie Kaugummi, ist aber schweinegeil und die beiden Chaoten mit dem alten Käfer befinden sich mitten in den Vorbereitungen, die USA nach über 8 Monaten zu verlassen. Wenn man mit offenen Bustüren an der Steilküste steht, einem die Brandung des Ozeans durch die Gehörgänge rauscht und man dabei den Pazifik in der Abendsonne glitzern sieht, dann weiß man, was Luxus ist.

Unser Plan, die Gurke hier unten in Kalifornien einzulagern, hat sich nach langen, Kopf zerbrechenden Überlegungen geändert. Von der Idealvorstellung, das Gemüse für zukünftige Urlaubstrips in den USA zu nutzen, haben wir uns verabschiedet. Die Vernunft hat diesmal gesiegt, zum Einen müssten wir uns um eine Unterkunft für die Gurke kümmern, zum Anderen würden immer irgendwelche Reparaturen anfallen, die dem Reinhüpfen und Losfahren im Wege stünden.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben wir uns von unserer „treuen“ Reisegefährtin verabschiedet; die Erinnerung an die wunderschöne Zeit, die wir drei mit der Kiste hatten, wird uns ewig in Erinnerung bleiben und uns noch oft zum Schmunzeln bringen. Wir alle hoffen sehr, dass der neue Gurkenbesitzer unsere kleine Unvollkommenheit auf Rädern mit all ihren Fehlern und all ihrem Charme zu schätzen weiß und sich gut um sie kümmert. Wir wünschen stets eine gute Fahrt und viele weitere Abenteuer!

Thanks a lot to Mark and Ray, these two VW nuts have been a very important part in our “Gurke project”, helped us to maintain and to prepare the Erbse and hosted us over a long period of time. Even after all those months, since Mark offered us his help with a simple entry in our guestbook, they are still giving us the feeling of being welcome. Like Mark told us once, he might live our dream, while we are living his dream. We think, that´s a good way to see it; now you have the time to continue your dream, Mark. Thanks to you and thanks to Ray, we hope to see you both again, if in Mountain View, Germany or somewhere else (There I was, standing naked in the Kongo.). Thanks for your help and your friendship! The german terrorists, Torsten and Dirk. :-))

ps: Die nächsten Reiseberichte werden wieder ausführlicher! Versprochen! ; ))

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